1

Die Nacht war klar und wolkenfrei, der Mond warf sein silbriges Licht auf die Gebäude am Straßenrand, während ich in meinem blauen Ford saß und die Umgebung betrachtete. Familienhäuser, meist zweistöckig, aus hellgrauen Steinen oder Holz erbaut, muteten in diesem Viertel fast ein bisschen malerisch an. Sie schienen sich sogar an die Umgebung anzupassen. Typisch für einen Vorort der Stadt Terimes im schönen Bundesstaat Maryland.

Terimes wurde vor sechzig Jahren in einer eher unauffälligen Gegend gebaut, die in normalen Augen nichts Besonderes darstellte. Unweit der Stadt Parkton hatte sich eine Gruppe Menschen niedergelassen und mit dem Bau einiger Häuser begonnen. Wenig später wurde klar, warum es gerade diese Stelle sein musste.

In der heutigen Zeit gibt es viele von uns, die außergewöhnliche Kräfte besitzen. Der Grund dafür ist ein Mutationsvirus. Im Laufe der Menschheitsgeschichte tauchte es immer mal wieder auf. Geschöpfe wie Hexen, Vampire, Werwölfe und andere Gestalten sind nicht bloß Sagen. Sie existieren tatsächlich, und das hatte die Welt vor sechzig Jahren erfahren müssen, als eine Pandemie des Mutationsvirus die Menschheit aufschreckte. Mitten im Unterricht war eine Schülerin plötzlich in Flammen aufgegangen und überlebte dies unversehrt. Die Medien hatten das Geschehnis mit Selbstentzündung erklärt, dann erreichten Berichte über gewebte Magie die Nachrichten, und ein Junge verwandelte sich bei Vollmond vor den Augen seiner Familie in einen Wolf.

Die Regierung hätte diese Vorkommnisse wahrscheinlich vertuscht, doch es war nicht mehr möglich, denn auf einen Menschen kamen plötzlich drei A-Normalos, so nennt man die Betroffenen. Das Schlimmste daran ist: Es lässt sich nicht bestimmen, wer normal ist und wer nicht. Das Mutationsvirus regt sich meist erst im Teenageralter. Dann erfährt man auch, zu welcher Art von Monster man selbst gehört.

Auch unzählige Experimente  und Forschungen konnten das Virus nicht zurückdrängen, es behauptete sich gegen Ärzte und Wissenschaftler, so dass die Welt heute mit ihm – und mit uns – leben muss.

Wären nicht auch die eigenen Kinder betroffen, dann wären die Menschen in Feindseligkeit gegen uns ausgebrochen, doch so akzeptieren sie uns als Mitglieder dieser Welt, als A-Normalos. Natürlich gibt es Sekten, die uns verdammen, Gruppen, die sich gegen uns stellen, doch sie bleiben in geringer Anzahl, weil sie immer mehr Mitglieder verlieren, wenn Kinder oder Familienmitglieder zu einem A-Normalo werden.

Diese A-Normalos, zu denen auch ich gehöre, greifen auf bestimmte arkane Machtlinien zu, die sich überall auf der Welt befinden, verstärkt auf der Ebene, auf der Terimes erbaut wurde. Nach und nach vergrößerte sich die Stadt, die Wälder wurden gerodet, und schließlich verschlang das wachsende Terimes sogar die nächstgelegene Ortschaft Parkton. Heute ist die Großstadt in mehrere Viertel unterteilt. Im Machtzentrum befinden sich die Hauptzentrale der Dhags, die der Polizei und etlicher anderer Agenturen; davon ausgehend erheben sich Wolkenkratzer in den Himmel, in denen es Versicherungen, Banken, diverse Büros und Geschäfte gibt. Um das Zentrum herum haben sich normale Menschen und Vampire angesiedelt. Erst weiter entfernt befinden sich die vielen Viertel, in denen sich Hexen, Werwölfe und Dämonenbräute niedergelassen haben. Das wurde per Gesetz so erlassen, damit A-Normalos nicht ständig mit den starken Machtlinien im Zentrum in Berührung kommen, die sie noch stärker machen. Einzig die Vampire haben keine Verwendung für diese Art der Macht, denn sie können sie nicht erreichen und sind deswegen von diesem Erlass verschont geblieben.

Da nach dem Ausbruch des Mutationsvirus die Verbrechensrate stark angestiegen war und die normale Polizei damit nicht fertig wurde, hat man unsere Agentur ins Leben gerufen.

Im Grunde war es die Idee von Big Boss Ben gewesen. Persönlich getroffen habe ich  ihn bisher nicht, und was genau er ist, bleibt ein Geheimnis. Karl, mein Vorgesetzter, kommuniziert mit ihm, wenn wir Probleme haben. Wir sorgen dafür, dass die A-Normalos sich benehmen, und falls sie es nicht tun, jagen wir sie und sperren sie in Gefängnisse, die selbst ihren absonderlichen Kräften standhalten. Besonders schlimme Verfehlungen werden an die Dhag-Zentrale weitergeleitet. Deren Mitglieder sind in unseren Augen das, was die innere Abteilung für die Polizei ist. Wir fürchten die Dhags und vermeiden Schwierigkeiten, um sie nicht auf uns aufmerksam zu machen. Diese spezielle Einheit besteht aus den stärksten A-Normalos überhaupt, und mithilfe einer besonderen, aber geheimen Prozedur werden sie sogar noch mächtiger und unempfindlicher gegen Angriffe. Es gilt als Ehre, wenn man aufgefordert wird, der Einheit beizutreten.

Eine Menge A-Normalos reichen Bewerbungen ein, doch nicht jeder wird genommen. Die Dhags bleiben meist für sich und sind ein sehr verschlossener Haufen, mischen sich nur dann in diverse Angelegenheiten, wenn es wirklich brenzlig wird. Besonders schlimme Verbrecher werden in ihre Zentrale transportiert, wo man ihnen die Kräfte nimmt.

Dies ist das Schlimmste, was einem A-Normalo passieren kann, und deswegen fürchten wir sie sehr. Jene, deren Kräfte man nicht binden kann, wie Vampire oder Werwölfe, finden durch ihre Hand den Tod.

Folglich hätten sich die meisten A-Normalos tadellos benehmen müssen, doch weit gefehlt. Viele von ihnen praktizieren weiterhin verbotene schwarze Magie oder saugen in ihrer Gier das Blut aus den Lebenden bis zu deren Tod.

Für diese und ähnliche Vergehen ist also meine Agentur zuständig, und heute Nacht hatten wir den Auftrag, einer jungen Hexe auf die Schliche zu kommen, die sich in die verbotenen Gefilde der Schwarzen Magie zu wagen schien.

Zuvor jedoch wollten wir uns noch etwas stärken. Mein Partner stand gerade in einem Café an der Kasse und bezahlte unseren Kaffee und das Gebäck, damit wir die bevorstehende Observierung ohne knurrende Mägen durchstanden.

Nach Dennis, meinem früheren Partner, hatte ich Schwierigkeiten, mich an Julius zu gewöhnen. Der Mann, der mich seit drei Monaten bei meinem Job unterstützt, besitzt schwarze Haare, strahlend blaue Augen und einen Mund, bei dem jede Frau schmachtend in die Knie gesunken wäre. Außerdem strahlt er förmlich vor Selbstbewusstsein, und um das Ganze zu vervollständigen, ist er auch noch mächtig genug, um rasend schnell die Karriereleiter hinaufzuklettern. Julius Kessedy hat sehr früh erfahren, dass das Virus seine Zellen ebenfalls verändern würde. Er war jetzt schon stark, doch wenn er starb, würde er zu einem Vampir werden, und noch dazu zu einem Meistervampir.

Karl war voll des Lobes für ihn, ich hingegen fand ihn in letzter Zeit ziemlich launisch. Sein Charisma hatte er deswegen jedoch nicht eingebüßt. Das alte Klischee des Frauenschwarms traf vollkommen auf ihn zu. Mit mir jedoch flirtete er so gut wie nie, auch wenn er mich manchmal mit einem komischen Blick musterte.

Während er zu meinem Wagen kam, trug er die zwei Pappbecher Kaffee in jeweils einer Hand, die Papiertüte hatte er unter dem rechten Arm geklemmt. Ich lehnte mich über den Beifahrersitz, um ihm zu öffnen und dankend meinen Kaffee entgegenzunehmen.

„Ungewöhnlich für eine Hexe, in dieser Wohngegend zu leben, Sophie“, bemerkte er.

Diese Wohngegend, das bedeutete menschliches Gebiet. Es kam schon mal vor, dass A-Normalos und Menschen Tür an Tür wohnten, doch meistens bleiben die A-Normalos unter sich. Menschen fällt es immer noch schwer, mit den Aspekten des Lebens zurechtzukommen, mit denen wir uns herum ärgern müssen. Ich glaube nicht, dass eine normale Familie ruhig bleiben kann, wenn sie wüsste, dass drei Häuser weiter ein Werwolf lebt.

„Ihr Vater ist Senator Hopkins, und Michelle Hopkins lebt mit ihren neunzehn Jahren noch zuhause“, informierte ich ihn und nippte an dem heißen Kaffee. Normalerweise bevorzuge ich Tee, doch für eine Observierung bin ich bereit, eine Ausnahme zu machen. Außerdem tat der Kaffee seinen Job und vertrieb jegliche Müdigkeit.

Nachdem ich meinen Becher geleert hatte, startete ich den Wagen und fuhr los. Julius, der gemächlicher an das heiße Getränk heranging, stellte den Kaffee in den Becherhalter und blätterte in einer beigefarbenen Akte. Karl hatte uns kurz über den neuesten Stand der Dinge informiert, doch in der Akte waren wesentlich mehr Informationen enthalten. Lediglich der überraschend schnelle Aufbruch hatte verhindert, dass ich mich damit vertraut machen konnte.

Die Villa der Hopkins war wegen des kleinen Wäldchens um die Auffahrt und des hohen Zaunes kaum zu sehen, aber alleine das hochmoderne Tor ließ vermuten, wie teuer der Bau dahinter sein musste. Auch die Abgelegenheit des Anwesens verriet, wie reich Senator Hopkins wirklich war. Unseren Informationen zufolge hatte er sogar mehrere Grundstücke um das Haus aufgekauft, damit es keine neugierigen Nachbarn gab, die Michelle Hopkins‘ wahres Ich entlarven konnten. Dass die einzige Tochter des Senators eine Hexe war, davon wussten nur ihre Eltern, die Behörden und der Hexenmeister, dem sie unterstellt war.

Ich parkte den Wagen im Schatten einer großen Tanne. Julius lehnte sich tief in den Sitz und schwieg. Nach einer Weile merkte ich, dass er eingeschlafen war. Ich biss mir auf die Lippen. Ihn zu ermahnen würde nichts bringen. Er ist ein guter Agent und eigentlich immer topfit, aber in letzter Zeit fühlt er sich manchmal schlapp und müde.

Eine Stunde später drehte Julius sich auf dem Beifahrersitz und knallte mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe. Blinzelnd wurde er wach und musterte mich verwirrt. „Oh, ich muss wohl eingenickt sein“, murmelte er und rieb sich die Augen.

Ich zwang mich dazu, keine Miene zu verziehen. Das sah nicht aus wie eine vampirische Geste. Vampire rieben sich nicht die Augen wie ein kleines Kind, außerdem schliefen sie tagsüber. Keine Ahnung, warum Julius so oft nachts schlief.

„Wie lange war ich weg?“

„Eine Stunde“, antwortete ich ruhig und blickte wieder zu dem hohen Tor. Ich hasse es, jemanden zu beschatten. Die Wartezeiten, die dabei entstehen, machen mich fertig. Ich bin nicht dafür geschaffen, tatenlos herumzusitzen und darauf zu warten, dass etwas passiert.

„Hm.“ Julius griff nach dem inzwischen kalten Kaffee und trank ihn in einem Zug leer.

Ich fragte mich mit einem Seitenblick auf ihn, wie er die Zeit überstehen würde, wenn er anstatt Kaffee Blut trinken musste. Viel war noch nicht über das Vampirvirus bekannt, außer, dass es mehr als einmal in der Menschheitsgeschichte aufgetaucht war, was die ganz Alten erklärte. Wenn manche ihrer Gier nachgaben, kamen da mehrere Tote zusammen. Heute wäre dies unser Stichwort, um sie zu überführen und auszuschalten. Die Vampire hatten früher versucht, ihre Existenz so gut es ging geheim zu halten, meistens durch Morde, doch nach dem Ausbruch des Mutationsvirus war es nicht mehr zu verheimlichen gewesen. Unsere Zeit war aufgeklärter, Nachrichten über Seuchen sah man jeden Tag im Fernsehen, auch über die, welche fast die ganze Welt verändert hatte. Dadurch hatte der Vampirrat sich gezwungen gesehen, an die Öffentlichkeit heranzutreten, und sie traten als die hilfsbereiten Wesen auf, die sie gar nicht sind. Ich habe gesehen, was Vampire einem Menschen antun können, und ich traue keinem von ihnen über den Weg.

Julius, der meine nachdenkliche Stimmung bemerkte, runzelte die Stirn. „Du, hör mal, es tut mir wirklich leid, dass ich eingepennt bin. In letzter Zeit passiert mir das öfter. Die Ärzte sagen, dass es bald so weit ist.“ Den letzten Satz hatte er nur geflüstert.

Ich sah ihn scharf an. Unsicherheit flackerte in seinem Blick. Als man ihm mitgeteilt hatte, dass er das Virus in sich trug, muss er gerade in der Pubertät gewesen sein. In dieser Zeit zeigt sich, wer gegen das Virus resistent ist und wer nicht. Niemand kann sagen, warum es aus den einen Vampire macht und aus den anderen Hexen oder Gestaltwandler. Ebenso kann niemand die Art der Verwandlung beeinflussen. Versuche, die vor vierzig Jahren durchgeführt wurden, waren immer mit dem Tod des Subjekts geendet.

Es gibt auch viele, die davon verschont werden und einfache Menschen bleiben.

Julius war nicht verschont worden, ich eigentlich auch nicht, doch bei mir hatte das Mutationsvirus nicht dieselben Auswirkungen. Menschen wie mich bezeichneten die Alten naserümpfend als eine Anomalie. Ich werde mich nicht verwandeln, doch das Virus hat auch meinen Körper verändert. Ich kann Verbindung zu einer anderen Dimension aufbauen und Dämonen rufen, die mir dienen, bis ich sie nicht mehr brauche. Dämonenbräute nennt man Frauen wie mich, und der Name passt durchaus, denn diese Abwandlung tritt meist nur bei Frauen auf. Eigentlich klingt die Art, wie ich mir meine Diener stehle, grotesk und herzlos, doch ich empfinde keine Reue, denn ich spüre die Bosheit dieser Kreaturen durch und durch. Sollte ich einmal die Kontrolle über sie verlieren, werden sie jeden Menschen in ihrer Umgebung zerfetzen. Auch so suchen sie nach einem Weg in unsere Welt, bis jetzt haben sie aber noch kein Tor gefunden, und von alleine können sie nicht hierher gelangen.

Für die Beschaffung meiner Diener muss ich ein paar Tropfen Blut opfern, aber Gott sei Dank muss ich keines trinken. Anders als Julius, nachdem er sich verwandelt hat.

Hexen greifen verstärkt auf eine andere Art der Machtlinien zu. Diese helfen ihnen dabei, besonders starke Tränke zu brauen und Amulette zu erschaffen, und es gibt Hexen, die mithilfe dieser unsichtbaren Machtlinien ihre Elementarmacht finden und lenken. Wir Dämonenbräute haben auf diese speziellen Kräfte keinen Zugriff, unsere Stärke liegt einzig in der Überwindung der Grenze zwischen den Dimensionen. Alleine uns ist es vergönnt, diese Grenze zu öffnen und etwas aus der anderen Dimension zu holen oder selbst in sie einzudringen, was ich jedoch stets vermeide, denn hinter diesen Mauern lauert der Tod.

„Sieh mich nicht so an“, flüsterte Julius niedergeschlagen.

Ich zog fragend die Brauen zusammen. „Wie sehe ich dich denn an?“

„Wie einen Hund, mit dem du Mitleid hast, weil er bald eingeschläfert werden muss“, brummte Julius.

Ich seufzte leise. „Tut mir leid, wenn es so rüberkommt. Allerdings weißt du ja schon lange, dass du infiziert bist, deshalb …“

„Ja, schon, aber wenn es wirklich so weit ist, wird einem ganz mulmig zumute“, nuschelte er, während ihm die schwarzen Locken in die Stirn fielen. Er trug die Haare oben lang und unten kurz, ganz nach der neuesten Mode. Gekleidet war er auch ziemlich gut für einen Mann, der nicht schwul war, und schwul war er garantiert nicht, denn Julius hatte fast die halbe Agentur flachgelegt. Seine strahlend hellblauen Augen stehen im Kontrast zu meinen dunklen. Nach der Verwandlung wird er seine Sonnenbräune verlieren und noch anziehender wirken als jetzt. Mehrere Vampirälteste, männlichen wie weiblichen Geschlechts, hatten bereits versucht ihn zu verführen und so auf ihre Seite zu ziehen, denn die Art des Erregers in seinem Blut verrät, dass er zu einem Meister werden wird. Seltsamerweise hat er jeden abblitzen lassen, selbst die attraktivsten Interessenten. Julius beschränkt sich nur auf menschliche Frauen, was ihm oft den Zorn der abgewiesenen Blutsauger eingebracht hat. Aber es gab keine Mordversuche, denn sonst würde er noch schneller so mächtig werden.

„Sieh es mal von der positiven Seite: Du wirst die Zukunft miterleben“, versuchte ich ihn aufzumuntern.

Er wandte er mir das Gesicht zu und sah mich an. „Du auch.“

„Hm, na ja …“ Das stimmte nicht ganz. Anomalien wie ich werden zwar unglaublich alt, doch wir sind nicht unsterblich, und wenn wir verwundet werden, können wir uns zwar mit der Lebensenergie unserer Diener regenerieren, aber wenn man uns zu schwer verletzt, sterben wir trotzdem.

Die älteste Dämonenbraut ist tausend Jahre alt und geistig nicht mehr ganz so fit. Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass die Dhags sie mit Medikamenten ruhigstellten, damit sie ihre Diener nicht ruft. Der Regierung war es sicher schon in den Sinn gekommen, sie zu beseitigen, doch zu viele wissen von ihr, und ihr Ableben würde Fragen nach sich ziehen.

Ich selbst bin ihr auch einmal begegnet. Jedes Mädchen, das diese Art der Macht in sich trägt, bekommt sie zu sehen. Die großartige Johanna Hedwig, ein Leitpunkt der Dämonenbräute. In ihrer Jugend war sie unglaublich mächtig gewesen. Bevor ich ihr begegnete, hatte ich ein geheimes Bild von ihr vor Augen. Ich hielt sie für unbesiegbar, stark und strahlend schön, aber all das konnte ich mit dem verwirrten Greis vor mir nicht in Verbindung bringen. Anfangs hatte ich geglaubt, dass sie uns auf den Arm nehmen wollten und die richtige Johanna gleich lachend hinter der weißhaarigen Frau erscheinen würde, um uns zu versichern, dass alles nur ein alberner Scherz gewesen wäre, aber dann hatte ich das Zeichen der Dämonen gesehen. Eine Art lebende Tätowierung in der Haut, die uns dabei hilft, unsere Diener zu rufen. Ich hätte am liebsten geheult vor Enttäuschung.

„Wir können sie also gemeinsam verbringen.“

„Was?“ Ich hatte den Faden verloren.

„Na, die Zukunft.“

Ich nickte, dennoch stimmte Julius’ Vorschlag mich misstrauisch, doch ich sah keinerlei Arg in seinen Augen. Sollte das eine misslungene Anmache sein? Keiner aus der Agentur hatte je versucht, sich an mich ranzumachen, denn im Gegensatz zu meinen Kolleginnen trage ich mein Dämonenzeichen im Gesicht. Die einzige Methode, es zu verdecken, bestünde darin, eine Maske zu tragen, und darauf verzichte ich lieber. Mein Zeichen ist an den Schläfen ausgeprägter und verdünnt sich über meiner Stirn zwischen den Brauen, wo sich das Zentrum befindet. Es wechselt die Farbe von Tiefschwarz bis Hellbraun, und selbst wenn es ganz hell ist, kann man es noch einwandfrei erkennen, denn ich habe ziemlich blasse Haut. Bin ich zufrieden, behält es seine braune Farbe, schwarz wird es nur, wenn ich meine Macht anrufe oder wütend bin.

„Wie meinst du das?“ Irritiert sah ich Julius an.

Er seufzte und lehnte sich in den Sitz zurück. „Ach, keine Ahnung. In der Agentur reden sie heimlich über mich. Die Frauen, die verrückt genug sind, wollen mich dazu bringen, sie zu verwandeln, wenn ich ein …“ Knurrend strich er sich das dunkle Haar zurück und sah mich eindringlich an. „Du hast nie versucht, einen Vorteil aus der Tatsache zu ziehen, dass ich einmal ein Meister sein werde.“

„Warum auch?“, entgegnete ich gelassen. „Ich bin selbst eine starke Dämonenbraut. Weshalb sollte ich es nötig haben, mich bei dir anzubiedern?“

Sein Blick wurde stechend. „Als ich in der Agentur angefangen habe, rieten mir die meisten, mich von dir fernzuhalten. Sie meinten, du wolltest nicht, dass man sich mit dir anfreundet.“

Das stimmte, doch dafür gab es auch einen Grund. Dennis war über drei Jahre lang mein Partner gewesen. Er hatte eine Frau und zwei wunderschöne Töchter, und dann kam der Tag, an dem ich seiner Familie erklären musste, wie es sich zutragen konnte, dass Daddy getötet wurde. Selbst heute noch kann ich Lilianes todtrauriges Gesicht vor mir sehen. Sie hat mir nicht die Schuld am Verlust ihres Mannes gegeben, niemand tat das, denn gegen den Gegner, den Dennis und ich bekämpft hatten, fand man gewöhnlich den Tod. Selbst Monate nach diesem Kampf litt ich noch an den schmerzenden Wunden, die ich davongetragen hatte. Einzig der Regeneration mithilfe meiner Diener war es zu verdanken, dass keine Narben zurückgeblieben waren, denn sonst würde ich heute aussehen wie die verkraterte Oberfläche des Mondes.

Ich presste meine sonst frech geschwungenen Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Es stimmte, dass ich anfangs erfolglos versucht hatte, keinen neuen Partner zu bekommen, aber dass sie Julius vor mir gewarnt hatten, machte mich sauer. Mürrisch starrte ich wieder nach vorne, meine Schläfen kribbelten, und ich spürte den Zorn in mir wachsen.

„Habe ich dich verärgert?“, fragte Julius alarmiert, weil ich nicht antwortete.

Ich stöhnte leise auf. Gott, er sah so gut aus, legte fast jede Frau flach und war auf eine verdrehte Art und Weise ein lieber Kerl. Ich presste die Luft aus meinen Lungen und setzte zu einer Antwort an, in dem Moment erklang ein derart schriller Schrei, dass ich erschrocken zusammenzuckte.

Julius schien es ebenso zu ergehen, denn seine aufgerissenen Augen wanderten zu dem versteckten Anwesen.

Fast gleichzeitig verließen wir meinen Wagen und liefen auf den Eingang zu. Ich haderte mit mir, ob ich nach Verstärkung rufen sollte. Wir beide sind ziemlich stark, doch hinter diesen Toren konnten wir auf etwas noch Mächtigeres treffen.

Julius nahm mir die Entscheidung ab. „Vielleicht war das irgendein Witzbold, aber es ist sicherer, die Zentrale zu benachrichtigen.“

Nickend ging ich zum Wagen zurück und betätigte das kleine Funkgerät am Armaturenbrett. Schnell gab ich die Informationen darüber, wo wir uns befanden und was sich zugetragen hatte, durch.

Dieser Schrei war absolut überzeugend gewesen, deshalb durften wir keine Zeit verlieren.

„In Ordnung. Ich kümmere mich um das Tor.“ Noch während ich zu Julius zurückkehrte, streckte ich die Hände nach vorne und suchte nach der gleißenden Energie, die sich zwischen unserer Welt und der Dämonenwelt befindet. Wir nennen sie Dimensionsenergie. Sie besitzt große Kraft, aber es erfüllt uns mit Ekel, sie zu benutzen. Dimensionsenergie verletzt normale Menschen, Dämonen und Dämonenbräute jedoch lässt sie heil. In diesem Fall konnte sie mir von Nutzen sein.

Das Eintauchen in diese pure Energie bewirkte, dass mir alle Härchen aufrecht vom Körper standen. Meine Finger schienen nach Luft zu greifen, doch nach und nach nahm die Luft Form an und ähnelte hellen Luftblasen in einem Whirlpool, die ich zwischen den Händen hielt.

Da ich den Kontakt damit schnellstmöglich abbrechen wollte, schleuderte ich die Energie gegen das Tor. Das Metal nahm keinen Schaden, aber die Elektrik war hinüber.

Julius streckte die Hand aus, umfasste das eiserne Gitter und atmete sichtlich ruhiger, als sich nichts tat. Die Elektrizität war von der Dimensionsenergie vertrieben worden, sodass wir behände den Zaun hochklettern konnten.

Von oben konnte ich lediglich das Dach des großen Hauses sehen. Das lag jedoch an den vielen hohen Bäumen, die davor in den Himmel hinauf ragten. Leichtfüßig sprangen wir die letzten Meter nach unten und landeten auf der anderen Seite. Die Stille nach dem Schrei war so endgültig, dass ich mich zwingen musste, langsam und besonnen voranzugehen.

Julius, der sich beim Betreten des Grundstücks mit einer Beretta M9 bewaffnet hat, blieb vor der Auffahrt stehen und schloss die Augen. Mein Partner ist noch ein Mensch, doch auch unverwandelt zeigt sich die Stärke des Mutationsvirus. Julius nennt dies seinen Instinkt, ich vermute aber eher, dass es sich um den Vampirismus handelt. Trotz seiner menschlichen Existenz ist Julius ungewöhnlich schnell und stark. Nicht so stark wie ein echter Vampir, aber während unserer Zusammenarbeit bekam ich eine Vorahnung von dem, was einmal aus ihm werden würde.

Die Stille, gepaart mit der Dunkelheit, machte mich unruhig. Hinter jedem Baum konnte derjenige lauern, der diesen Schrei verursacht hatte.
Die Auffahrt zum Haus war recht lang. Wir benötigten eine volle Minute, um das moderne Herrenhaus zu erreichen, da wir besondere Vorsicht walten ließen. Die Zeit schien sich hinzuziehen, vor allem, weil wir unser Ziel so schnell wie möglich erreichen wollten, um der Person zu helfen, die so schrecklich geschrien hatte. Dabei war unsere Sicherheit jedoch genauso wichtig, denn wenn uns etwas zustoßen würde, dann käme gar keine Hilfe.

Die Auffahrt endete vor einem Kreisel, der um einen riesigen Brunnen führte. Ich erkannte Delfine und Nixen, der kleine Wasserstrahl aus den Mündern der Fische verursachte ein beständiges plätscherndes Geräusch. Eindeutig Kitsch, aber überaus teurer Kitsch.

Julius hob warnend die Hand, und ich blieb stehen. „Blut“, warnte er mich, und das genügte.

„Ich rufe einige Diener“, informierte ich ihn. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, dass er sich schützend neben mich stellte. Für einen kurzen Moment sind wir Dämonenbräute extrem verwundbar, und zwar, wenn wir uns darauf konzentrieren, unsere Diener zu rufen. Diese Zeitspanne ist nicht besonders lang, aber für einen gewieften Gegner kann sie genügen.

Selbst mit geschlossenen Augen fand ich die versteckte Klinge in meinem Armband. Der frische Schnitt in meiner Daumenkuppe brannte, doch ich bin an diesen Schmerz gewöhnt. Mit dem ersten Tropfen Blut lodert die Macht einer Dämonenbraut in mir auf. Zuerst fühle ich die andere Welt nur, dann schiebt sie sich vor mein inneres Auge. Ich kann diese Sicht nur als Nebel bezeichnen, der sich an manchen Stellen lichtet. Diese Stellen sind voller winziger Punkte, die in verschiedener Stärke erstrahlen.

Instinktiv griff ich auf einige dieser Punkte zu, wissend, dass es sich um die Bewohner der anderen Welt handelt. Bewusst wählte ich einen Sucher und drei Schutzteufel aus. Es gibt noch wesentlich stärkere Existenzen, die man beschwören kann, doch man hat uns beigebracht, mächtige Dämonen nur dann zu rufen, wenn es wirklich brenzlig wurde. Auch für den Fall unseres Versagens ist dies eine gute Regelung, denn wenn mir etwas zustoßen würde, wären diese Dämonen frei von ihren Ketten und könnten in unserer Welt wüten.

Da wir nicht wussten, was uns erwartete, war es daher sinnvoller, sich auf die Schutzteufel und die eigene Stärke zu verlassen.

Ich stelle mir die Beschwörung gedanklich so vor, als würde ich unsichtbare Hände um den Lebensfaden der Dämonen legen. Dies ist auch ein Teil unserer Kraft. Wir behalten die Kontrolle über unsere Diener, weil es in unserer Macht liegt, ihr Leben zu beenden. Sie müssen uns dienen, wenn sie nicht sterben wollen. Es klingt grausam, aber wir spüren ihre Boshaftigkeit und den Hass, das verdrängt aufkeimendes Mitgefühl sehr schnell.
Das Erscheinen der beschworenen Dämonen macht sich durch eine Art Verdichtung der Luft bemerkbar, ähnlich der Benutzung von Dimsensionsenergie. Sie wird nach und nach fester, bis sie die Form des Dieners angenommen hat. Die Anrufung solch schwacher Kreaturen ist unkompliziert, schwierig wird es erst bei den stärkeren Dämonen, den richtigen Kriegern. Nach dem Beschwören gibt es einen Moment, wo wir im Geiste gegeneinander kämpfen. Der Dämon ringt mit mir um die Kontrolle und um seinen Lebensfaden. Sehr starke Dämonen sind durchaus in der Lage, mich zu besiegen, deswegen verzichte ich meistens darauf, starke Exemplare zu rufen. In brenzligen Situationen begnüge ich mich eher damit, mehrere schwächere Diener zu rufen.

Die Stille um uns herum glich beinahe schon der Ruhe vor einem Sturm. Julius hielt seine Waffe sicher in den Händen und wartete ab. Die übliche Prozedur bei einer Dämonenbraut besteht darin, als allererstes einen Sucher zur Aufklärung voranzuschicken. Die drei Schutzteufel hatte ich gerufen, um uns alle mit einem Schutzschild zu umgeben.
Die meisten Dämonenbräute hätten den Sucher ohne eine schützende Rüstung hineingeschickt, aber ich fühle mich für meine Untergebenen verantwortlich. Ich habe sie in unsere Welt gerufen, ich schicke sie in diese gefährlichen Situationen. Ihr Leben ist in meiner Hand, aber ich kann nicht so kaltblütig sein, sie ohne Schutz ins offene Messer laufen zu lassen. Eine gelungene Anrufung besteht für mich darin, die Dämonen zu rufen, sie den Job erledigen zu lassen und sie danach wieder zurück in ihre Welt zu schicken. Mit dieser Methode kann ich nachts problemlos schlafen.

Der Sucher besitzt ein reptilienartiges Aussehen und grelle Augen, die mich voller Hass anschauen. Er sagt kein Wort, aber ich teile seine Gefühle, frage mich gleichzeitig, ob diese Leitung in beide Richtungen funktioniert. Fühlt er, was ich fühle? Es ist nicht wichtig. Im Moment zählt nur herauszufinden, was hier geschehen ist.

„Im Haus ist Blut. Such nach dem oder der Verletzten“, wies ich den Dämon an und sah ihm hinterher, als er gebückt zum Haus rannte.

Die drei Schutzteufel hatten sich bei ihrer Anrufung gegen mich verbündet und versucht, meinen Willen zu überwältigen, doch ich habe gewonnen, folglich errichteten sie einen Schild um uns und um den Sucher. Durch diesen Schild geschützt, richtete ich meine Konzentration vollends auf den Sucher. Ich teilte seine Gefühle und konnte sehen, was er sah. Er fand eine angesengte offene Hintertür und betrat eine geräumige Küche, die mehr gekostet haben musste, als ich in einem halben Jahr verdiente. Der Geruch von Feuer hing in der Luft. Auf dem Herd stand eine Pfanne mit verkohltem Fleisch, die Feuerstelle war jedoch aus. Das Essen war angebrannt, aber jemand hatte sich die Mühe gemacht, den Herd auszumachen, damit der Rauchmelder nicht losging.

Der Dämon verließ, das Blut witternd, die Küche und trat auf einen langen Flur, der zum Vordereingang führte. Links befanden sich zwei Türen; eine führte in das Esszimmer, die andere in den Salon. In keinem Raum war Blut vorzufinden. Vor der breiten Treppe aus dunklem Holz blieb mein Diener stehen und hob das flache Gesicht. Ich biss mir auf die Lippe, als ich seine Eindrücke teilte.

„Das Blut kommt von oben“, sagte ich zu Julius. „Er geht die Treppe hinauf …“

„Sophie!“ Julius Aufschrei erklang im gleichen Moment, in dem das Leben des Suchers endete. Von einer Sekunde auf die andere wurde mir sein Lebensfaden entrissen. Betäubt öffnete ich die Augen und blinzelte. Julius stand vor mir, die Waffe schussbereit nach vorne gerichtet. Für die Beretta M9 benutzte er Parabellum-Patronen, in einem Magazin befanden sich fünfzehn Schuss. Auch wenn ich Waffen nicht leiden kann, in diesem Moment war ich froh, dass er eine dabei hatte.
Der milchige Schild waberte, als er getroffen wurde. Rote Flammen drückten gegen ihn und nahmen ihm immer mehr die Substanz. Ein Schutzteufel zitterte sichtlich, dicke Schweißtropfen flossen über seinen kleinen, gedrungenen Leib. Der Angriff hatte nicht nur meinen Sucher erledigt, er hatte auch den Schutzteufel geschwächt, der den Schild für ihn errichtet hatte. Der Lebensfaden des Schutzteufels fühlte sich gefährlich schwach an, also ließ ich ihn gehen. Ich hätte ihn sich bis auf den Tod verausgaben lassen können, doch dadurch wäre der Schild auch nicht viel stärker geworden.

„Es ist Hexenkraft“, vermutete ich. Das Aufprallen des Hexenfeuers gegen den Schild verursachte ein zischelndes Geräusch, welches mir in den Ohren wehtat.

„Ja, aber wer übt sie aus?“

Handelte es sich hierbei um Michelle Hopkins? Ihre Elementarkraft ist das Feuer, doch wieso sollte sie uns angreifen? Dass das Hexenfeuer so lange brannte, sprach für die Kraft des Angreifers, doch auch sie ging zuneige. Der Angriff endete in dem Moment, in dem meine Schutzteufel den Schild verloren. Ich war froh über ihre Schwäche, denn Dämonen kann man nur dann gefahrlos zurückschicken, wenn man sie vollkommen erschöpft hat. Sie zu rufen ist kein Problem, doch wenn man sie zurückschickt und sich auf die andere Dimension konzentriert, verliert man einen Teil der Kontrolle über sie. Ein immer noch starker Diener würde mich in diesen wenigen Sekunden töten, die ich benötige, um ihn zurückzuschicken. Verausgabt sind sie viel zu schwach und müde, um sich gegen mich zu wehren.

„Er haut ab!“, schrie Julius und stürmte voran.

Er? Hatte er den Angreifer als Mann erkannt? Dann konnte es sich nicht um Michelle Hopkins handeln. Etwas anderes machte mir aber mehr Sorgen. Der Tod des Suchers und der Angriff auf den Schild waren zum gleichen Zeitpunkt eingetreten, es gab also zwei Angreifer, nicht nur einen.

„Verdammt!“ Ich wollte Julius folgen, änderte jedoch die Richtung, als ich eine vermummte Gestalt aus dem Haus laufen sah. Wenn ich meinem Partner hinterherlief, hatten wir womöglich einen Gegner im Nacken. So konnte Julius sich um seinen Angreifer kümmern, ohne befürchten zu müssen, ein Messer in den Rücken zu bekommen. Ich entschied mich, die Konfrontation mit dem anderen Angreifer zu suchen und hoffte, dass sie wirklich nur zu zweit waren. Die Person, die aus dem Haus gelaufen war, versuchte, in dem kleinen Wäldchen zu entkommen, das an das Hauptgrundstück der Hopkins angrenzte. Ich rannte hinter ihr oder ihm her und überlegte, ob ich Dimensionsenergie einsetzen sollte, um der Verfolgung ein Ende zu bereiten. Ein seltsamer Geruch drang mir in die Nase, stechend, benebelnd …

Nein! Verflucht! Verärgert warf ich die Hände nach oben und griff nach der gleißenden Energie, da verschwand die Person einfach vor meinen Augen.

Hexen und ihre Gaben, dachte ich erbost. Der Geruch von Äther umhüllte mich, als ich die Stelle erreichte. Im Davonlaufen waren Hexen und Hexer Meister. Sie konnten von einem Ort zu anderen springen. Nicht besonders weit, vielleicht an die hundert Meter, doch dies genügte für eine Flucht.

Ich konnte zetern, solange ich wollte, diese Beute würde ich heute nicht mehr in meine Finger bekommen. Verärgert gab ich die Verfolgung auf und rannte wieder zurück zum Haus. Julius kam mir von der anderen Seite entgegen. Aus einer kleinen Wunde an seiner Stirn floss etwas Blut. „Er hat mich angegriffen, ich bin zur Seite gesprungen, um dem Feuer auszuweichen, dabei habe ich einen Baum erwischt. Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht“, beruhigte er mich.

„Du bist bewaffnet“, warf ich ein.

„Im Grunde wissen wir nicht, was hier los ist. Ja, ich habe die Waffe, und ich hätte schießen können, aber ich kann Menschenblut nicht von Tierblut differenzieren.“ Und auf einen Unschuldigen zu schießen hätte ihn sein ganzes Leben lang belastet.

Der Hexer war uns entwischt, aber ich war froh über Julius Einstellung. Viel zu viele Menschen schossen erst und stellten dann die Fragen. „Gut, dann lass uns nachsehen.“

Wenngleich die Angreifer weg zu sein schienen, betraten wir das Haus ziemlich angespannt. Ich hoffte, Michelle Hopkins unversehrt aufzufinden, redete mir ein, dass es vielleicht ihre Freunde gewesen waren, weil wir sie bei etwas erwischt hatten, aber der schwere Klumpen in meinem Magen blieb.

An der Treppe angelangt, gab mir Julius ein Zeichen und ging voran. Die Waffe in seiner Hand sah bösartig aus. Die Beretta M9 ist unsere Dienstwaffe. Meine liegt daheim in einem Safe, die einzige Bewaffnung, die ich brauche, fließt in meinen Venen, deswegen trage ich jederzeit das Armband mit dem kleinen Messer bei mir.

Julius stieg wachsam die Stufen nach oben, ein Finger auf dem Abzug, um notfalls schnell reagieren zu können. Im ersten Stockwerk sah alles normal aus, aber es war totenstill.

„Mr. und Mrs. Hopkins? Hier sind die Agenten Kessedy und Bernd von der SAV, der Spezialagentur anormaler Verbrechen. Ist jemand zu Hause?“ Nach seiner Frage herrschte wieder Stille. Wir lauschten eine Weile, bis mein Partner weiterging.

„Der Blutgeruch kommt von da hinten.“ Julius deutete mit dem Kopf nach links zu dem längeren Stück des Ganges. Von unserem Standpunkt an der Treppe aus konnten wir vier Türen sehen, zwei waren geschlossen, die anderen standen offen. Um auf der sicheren Seite zu stehen, überprüften wir alle Räume auf dieser Etage, bevor wir uns denen widmeten, die in der Nähe des Blutgeruches lagen. Wir fanden Gästezimmer vor, die unbenutzt zu sein schienen. Der nächste Raum entpuppte sich als das Zimmer einer jungen Frau. Etliche Hexenutensilien bewiesen, dass dies Michelle Hopkins Reich sein musste, aber auch dieses Zimmer war leer. Julius trat vorsichtig vor die offene Tür des letzten Zimmers und verharrte sekundenlang regungslos davor.

„Was ist los?“, wollte ich wissen, als er die Waffe sinken ließ. Sein Gesicht wirkte so niedergeschlagen, dass ich meine schlimmsten Vorahnungen bestätigt wusste. Ich trat zu ihm und spähte ebenfalls in den Raum. Hierbei handelte es sich um das rustikale Schlafzimmer der Eltern. Es war in hellen Gelb- und Weißtönen gehalten, daher fiel die riesige Blutlache in der Mitte umso mehr auf. In ihr kniete, seitlich zu uns gewandt, eine Frau mit nach hinten gebundenen Händen. Von unserem Standpunkt aus konnten wir die Ränder der klaffenden Wunde an ihrem Hals erkennen. Jemand hatte ihr die Kehle durchgeschnitten.

Wir gingen in den Raum, sorgsam darauf bedacht, keine Spuren zu vernichten, und sahen, dass die große Wunde am Hals wahrscheinlich die einzige und tödliche Verletzung gewesen war. Die aufrechte Körperhaltung der Frau wurde von den Knien und den Unterschenkeln getragen.

„Sophie, sieh mal.“ Julius deutete tiefer in den Raum nahe der Wand.

Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich ihn sah. Ich war so von der jungen Toten abgelenkt gewesen, dass ich ihn übersehen hatte. Er musste in den Fünfzigern gewesen sein, trug einen grünen Schlafanzug und war auf die gleiche Weise wie seine Tochter umgebracht worden.

„Senator Hopkins“, flüsterte ich leise. Das Gesicht, wenngleich voller Qual, war nicht zu verkennen.

„Sehen wir uns weiter um“, sagte Julius.

Ich wollte einwenden, dass wir keine weiteren Spuren hinterlassen durften, als mir klar wurde, warum er den Raum durchsuchen wollte. Wo war Mrs. Hopkins?

Wir fanden sie an der gegenüberliegenden Wand. Die offene Tür hatte verhindert, dass wir sie sofort bemerkten. Die Aufstellung der Toten war eigenartig. Sie stellten ein obskures Dreieck dar. Auch Mrs. Hopkins war die Kehle aufgeschnitten worden. Ein tiefer Schnitt quer über den Hals. Was ich aber als noch wesentlich schlimmer empfand als bei den anderen, war ihr Gesichtsausdruck.

„Julius“, krächzte ich entsetzt. „Sie haben sie zusehen lassen.“ Zusehen lassen, wie sie langsam, aber unausweichlich verblutet sind. Eine sengende Wut kam über mich, das Dämonenmal auf meiner Stirn reagierte und pulsierte drohend. Jetzt bedauerte ich, keinen weiteren Dämon gerufen zu haben, der diese Bastarde zerfetzt hätte.

Mein Partner legte mir eine Hand auf die Schulter. „Wir können hier nichts mehr tun, Sophie. Lass uns nach unten gehen und auf die Verstärkung warten.“

Nur allzu gerne ließ ich mich von dem grauenvollen Tatort wegführen. Meine Gedanken kreisten um den Schrei, den wir gehört hatten. Die Leichen waren noch frisch. Wenn wir uns beeilt hätten, wären wir dann rechtzeitig gekommen, um sie zu retten?

„Woher hätten wir das wissen sollen?“, fragte Julius, als ob er Gedanken lesen könnte.

Während ich draußen wartete, suchte er im Haus nach den Schlüsseln für das große Tor und kam wenig später zu mir. Da ich mit der Dimensionsenergie die Elektrik zerstört hatte, musste er es von Hand öffnen. Ich hielt Wache vor dem Haus und wartete auf seine Rückkehr. Als er zurückkam, folgte ihm ein schwarzer Wagen mit unserer Verstärkung. Da Julius sich besser mit den beiden Männern, Flynn und Doyle, verstand, setzte ich mich auf den Stufen, die zum Haus hochführten, und verbarg mein Gesicht in den Händen. Als Agentin hatte ich schon mehrere Tatorte gesehen, aber noch niemals eine solch sadistische Inszenierung.

„Sie sehen sich den Tatort an und rufen die Spurensicherung und den Leichenbeschauer“, informierte Julius mich, nachdem beide Agenten ins Haus verschwunden waren.

„Wir sollten auch Karl anrufen“, schlug ich leise vor und kam auf die Beine. „Ich mache das“, entschied ich und entfernte mich von Julius.

Karl war nicht begeistert von dem, was ich ihm am Handy mitteilte. Es ging nicht nur um den brutalen Mehrfachmord einer Familie, hier war ein berühmter Senator mit im Spiel.

„Es darf nichts an die Presse dringen“, wies er mich an, nachdem er mir versichert hatte, gleich zu uns zu kommen.

„He Flynn, alles klar bei euch?“, fragte Julius.

Beim Herauskommen trugen die Kollegen die gleiche Mischung aus Entsetzen und Abscheu in ihren Gesichtern wie wir. Ich wusste, dass Flynn eine Frau und eine Tochter hatte, deshalb verstand ich, warum sein Gesicht bleich wie ein Laken war. Doyle erschien gefasster, aber in seinen braunen Augen nahm ich die gleiche Wut wahr, die auch ich verspürte.

Da mir nicht nach einem Gespräch zumute war und ich die Agenten nur flüchtig kannte, ging ich die Auffahrt hinunter zum Tor. Es stand sperrangelweit offen, aber noch war nichts an die Presse gelangt. Dieser Zustand würde leider nicht lange andauern. Irgendwann würde diese Information durchsickern, und dann musste jemand am Tor stehen und neugierige Reporter davon abhalten, das Grundstück zu betreten.

Zwanzig Minuten später fuhren die Spurensicherung und der Leichenbeschauer die Auffahrt hoch, ihnen folgte Karl in seinem blauen BMW. Während die Beamten zum Tatort gingen, wartete ich auf meinen Vorgesetzten. Dieser stellte sein Auto neben dem Tor ab und kam dann mit schnellen Schritten auf mich zu. Karl ist nur eins sechsundsiebzig groß, doch seine Ausstrahlung kann durchaus mit der des eins achtzig großen Julius konkurrieren. Meistens trägt er seriöse Anzüge, heute jedoch hat er schwarze Jeans und ein lässiges Hemd an, über das er sich rasch eine Krawatte band.

„War das dein freier Tag?“, begrüßte ich ihn.

Das kurze, feuerrote Haar stand in alle Richtungen ab. Öfter hatte ich ihn dabei beobachtet, wie er es zu glätten versuchte. Ohne Erfolg. Womöglich liegt das an seiner Kraft, denn Karl übt Blitzmagie aus. Gerüchte über ihn lassen erahnen, dass seine Kraft sehr groß sein muss. Gemeinsam mit Big Boss Ben soll er früher für die Regierung gearbeitet haben. Was an den Gerüchten dran ist, kann ich nicht sagen. Karl ist ein Vorgesetzter, der einem in den Hintern zu treten vermag, wenn es nötig sein sollte, der sich aber auch schützend vor einen stellt. Ich habe Vertrauen in ihn und kann mich immer auf seine Unterstützung verlassen.

„Zu viel zu tun“, antwortete er mir knapp. Auch das ist eine seiner Eigenschaften. Karl ist ein Workaholic und hat wegen seiner Arbeitswut drei Ehen in den Sand gesetzt. Für ihn gab und gibt es nur den Job, aber diesen macht er ausgezeichnet.

Schnell brachte ich ihn auf den neuesten Stand, berichtete ihm auch von den Eindrücken, die ich gewonnen hatte. Er hörte sich alles aufmerksam an und nickte dann, als er einen Entschluss gefasst hatte. „Sophie, schon alleine unsere Anwesenheit hier wird garantiert an die Presse dringen. Julius und du, ihr zwei seid zuerst am Tatort gewesen, daher ist es euer Fall, aber keine Kommentare zu den Reportern. Es ist gut, dass so viele Leute hier sind, dadurch seid ihr aus der Schussbahn und könnt in Ruhe ermitteln.“

„Sie werden sich an deine Fersen heften“, prophezeite ich.

Daraufhin schenkte er mir sein strahlendstes Lächeln. „Kein Kommentar.“

Ich musste trotz der schrecklichen Situation lachen. Karl und die Presse, zu diesem Thema gibt es etliche Geschichten. In jeder trägt er dieses Lächeln zur Schau und spricht diese beiden Wörter. So mancher Reporter hat sich an ihm die Zähne ausgebissen. In Reporterkreisen nennt man ihn Pokerface. Da sie nichts Berufliches über ihn herausbekommen konnten, hatten sich etliche frustrierte Journalisten seinem Privatleben gewidmet. Es gibt unzählige Artikel über die Scheidungsverfahren und über seine Exfrauen, doch das lässt ihn kalt.

„Gut. Schnapp dir Julius und lass die Spurensicherung ihre Arbeit machen. Wenn die Untersuchungen beendet sind, treffen wir uns in der Agentur. Ich muss mir den Tatort persönlich ansehen.“

Da Julius sich immer noch mit Flynn und Doyle unterhielt, lehnte ich mich gegen den dicken Stamm eines hohen Baumes. Mittlerweile war es schon nach zweiundzwanzig Uhr. Der Himmel war wolkenfrei, die Sterne schienen wie Diamanten auf mich hinab. Gäbe es da nicht diese schrecklichen Morde, ich hätte es eine perfekte Nacht genannt.

Mir spukten immer noch die Bilder der toten Familie im Kopf herum. So, wie sie positioniert worden waren, konnte es nur bedeuten, dass die Mörder gewollt hatten, dass sie einander beim Sterben zusahen. Ich wollte mir nicht einmal vorstellen, was für ein Gefühl das sein musste.

Während die Zeit voran strich, füllte sich das Anwesen mit immer mehr Leuten. Am Tatort hatte sich sogar die normale Polizei eingefunden. Dieser Fall war so brisant, dass jeder ihn an sich reißen wollte. Ausrichten konnte die Polizei aber nichts. Wenn ein Mord an einem A-Normalo ausgeführt wurde, sind wir zuständig. Niemand kann uns diesen Fall wegnehmen.

„Guten Abend, Sophie.“

Alleine der Klang seiner samtig weichen Stimme brachte meine Atmung zum Stocken. Gerade noch rechtzeitig unterdrückte ich das aufsteigende Keuchen. Ich stellte mich aufrecht hin und schaute nach links. „Samuel“, brachte ich etwas erstickt beim Anblick des hochgewachsenen, schlanken Mannes hinaus. Das lange Haar, das an kalte Asche erinnert, wogte spielerisch um seine Hüften. Seine sonderbaren Augen, ein grünes und ein graues, mustern mich tiefgründig. Dass er es geschafft hatte, sich unbemerkt an mich heranzuschleichen, ärgerte mich trotzdem. Wenn ich ihn früher gesehen hätte, dann wäre ich auf diese Begegnung vorbereiteter gewesen. Samuel Richford ist ein Hexenmeister und Sünde pur. Neben seiner guten Figur besitzt er ein Gesicht, das ihn ungeschlagene fünfundzwanzig Wochen auf den ersten Platz der begehrtesten Junggesellen Amerikas verharren ließ. Als langlebiger Hexer sieht man ihm die zweihundertfünfzig Jahre nicht an, die er schon gelebt hat. Das schmale Gesicht ist makellos, ebenso die gerade Nase und die vollen Lippen. Sein brennender Blick hatte mir schon mehrere Male die Fassung geraubt, auch jetzt kämpfte ich um sie.

Zum ersten Mal waren wir uns begegnet, als ich meine beste Freundin Anna zu einem Sabbat begleitete, der auf seinem Anwesen stattgefunden hatte. Ich war neugierig gewesen, jedoch war die Neugierde sehr schnell von Scham vertrieben worden, als ich heftig kopulierenden Hexen bei ihrem Liebesspiel zusehen musste. Verschreckt war ich in ein abgelegenes kleines Häuschen geflohen und hatte feststellen müssen, dass ich auch dort nicht so alleine war, wie ich angenommen hatte. Damals war ich eigentlich bereit für etwas Neues gewesen, allerdings hätte jemand Samuel sagen sollen, dass man eine romantische Annäherung nicht unbedingt damit beginnen sollte, jemanden zu fragen, ob man sein Kind austragen will. Natürlich weiß ich, dass Hexen sehr viel Wert auf ihre Nachkommen legen, aber mich hatte es abgeschreckt. Trotz der großen Anziehungskraft, die er auf mich ausübte, bin ich damals geflohen. In den vier Jahren, die danach vergangen waren, hat Samuel etliche Male um mich geworben, aber ich fand immer einen Weg, um ihm zu entkommen.

„Ich bedauere die Umstände, unter denen wir uns heute Nacht begegnen.“

Es machte klick bei mir! „Du bist Michelles Hexenmeister!“

Jede Hexe und jeder Hexer ist einem Meister unterstellt. Hexenmeister sind in der Mehrzahl männlich, aber es gibt auch einige Ausnahmen. Besagter Meister kümmert sich um die Ausbildung seiner Untergebenen und hält Schwierigkeiten von ihnen fern.

Samuel wirkte angespannt, das sonst sinnliche Lächeln war betrübt. „Ich war ihr Hexenmeister“, korrigierte er mich traurig.

Natürlich hatte Senator Hopkins nur den Besten für seine Tochter gewollt.

„Woher weißt du es?“, fragte ich ihn.

„Dein Vorgesetzter hat mich angerufen. Er meint, ihr seid von Hexen angegriffen worden, und vielleicht könnte ich ihm einige Fragen beantworten.“

Ob Samuel Karl wirklich helfen konnte? Oder hatte Karl ihn in Verdacht?

Als sein Blick intensiver wurde, wäre ich am liebsten geflohen. Es ist eine Art Spiel zwischen uns. Samuel wirbt um mich, ich trete die Flucht an. Die Sache mit dem Nachkommen hat mich ziemlich mitgenommen, aber es liegt vielmehr daran, weil Samuel eben Samuel ist.

Seine schlanke, langfingrige Hand hob sich, um meine Wange zu berühren, da wich ich rasch zurück.

Seufzend ließ er die Hand wieder sinken. „Wir müssen uns unterhalten, Sophie.“

Alleine mit Samuel? Niemals! Wann immer ich mit Samuel alleine gewesen war, hatte er es geschafft, mich dahinschmelzen zu lassen, und es endete stets damit, dass ich atemlos in seinen Armen lag. „In Ordnung“, log ich, aber das Zucken um seinen Mund verriet mir, dass er meine Lüge durchschaute.

„Das werden wir“, versprach er mir und ging nach einem letzten eindringlichen Blick weiter.

Julius hatte uns aufmerksam beobachtet und kam nun mit großen Schritten auf mich zu.

„Wer war das?“

Ich sah von Samuel weg und überlegte, was ich ihm sagen sollte. „Das war Michelle Hopkins Hexenmeister.“

„Kennst du ihn?“

„Ja, flüchtig.“ Im Grunde war das nicht gelogen, allerdings hatten die wenige Male, die ich ihm begegnet war, ausgereicht, um ihn nicht mehr aus dem Kopf bekommen zu können.

„Die Spurensicherung wird eine Weile brauchen. Lass uns in die Agentur zurückfahren“, schlug Julius vor, und ich nickte zustimmend.